Freitag, Juni 18

Das Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie: 5 Fragen – 5 Antworten

von Vanessa Holer
Lesedauer: ca. 5 – 6 Min.

Seit März 2021 ist das Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) Teil der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Deswegen wollten wir einen Blick hinter die Kulissen des neuen Instituts werfen. Wie sieht die Forschung zu den Bereichen Sicherheit, Kriminalität, Gewalt und Extremismus, rechtliche Normen, soziale Kontrolle und Soziale Arbeit eigentlich aus? Mag. Dr. Hemma Mayrhofer und Mag. Dr. Veronika Hofinger haben unsere fünf Fragen dazu ausführlich beantwortet.

Makademia: Könnten Sie uns erklären, wie Ihre Forschungstätigkeit als Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie aussieht?

Mayrhofer und Hofinger: Unsere Forschungen sind im breiten Themenfeld „Recht und Gesellschaft“ sowie in der sozialwissenschaftlichen Sicherheitsforschung zu verorten. Wir begleiten etwa forschend die Einführung und Umsetzung von Maßnahmen und Gesetzen und erfassen die Wirkungen sozialer und rechtlicher Interventionen. Dabei zieht sich eine hohe Anwendungsorientierung wie ein roter Faden durch unsere Arbeiten. Das ist seit der Institutsgründung im Jahr 1973 so und soll auch im universitären Umfeld erhalten bleiben.

Makademia: Ihr Institut beschäftigt sich mit einer Vielzahl an Themen. So finden sich auf Ihrer Website Rechtssoziologie, Sicherheitsforschung und Inklusion & Exklusion.

Mayrhofer und Hofinger: Ja, die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, können sehr vielgestaltig sein. Sie ergeben sich zum einen aus unserem Selbstverständnis: Wo sind Bereiche, bei denen man genauer hinschauen soll, wie z.B. der Strafvollzug oder Freiheitsbeschränkungen in Heimen? Zum anderen gibt es auch Forschungsbedarfe, die an uns herangetragen werden. Hervorzuheben ist hier das Justizministerium, das für uns seit jeher ein sehr zentraler Auftraggeber für Forschung und ein wichtiger Adressat für unsere Forschungsergebnisse ist. Es ist sowohl Privileg als auch große Herausforderung, sich mit gesellschaftlich aktuellen und nicht selten auch kontroversiell diskutierten Themen beschäftigen zu dürfen.

Makademia: Könnten Sie uns grob erklären, womit sich das jeweilige Teilgebiet beschäftigt? Könnten Sie uns anhand eines Beispiels/einer Studie zeigen, wie Sie vorgehen? Auf welche faszinierenden Fakten sind Sie während Ihrer Untersuchung gekommen?

Rechtssoziologie

Mayrhofer und Hofinger: In einer aktuellen Studie zum Ehe- und Partnerschaftsrecht sehen wir uns an, ob die derzeitigen Regelungen noch zeitgemäß sind und wo Bedarf für Reformen besteht. Die Studie liefert einerseits empirische Grundlagen für eine Reform – wir befragen Expert*innen und ein repräsentatives Sample der österreichischen Bevölkerung. Die Studie berührt andererseits aber auch ganz grundsätzliche Fragen, etwa wie sehr sich der Staat in private Verhältnisse einmischen soll und wie die Freiheit des*der Einzelnen im Verhältnis zur Fürsorgepflicht des Staates zum Schutz Schwächerer gewichtet werden soll, wenn man z.B. regulierend in nicht-eheliche Lebensgemeinschaften eingreifen würde.

Sicherheitsforschung

Ein Sicherheitsforschungsprojekt des Instituts heißt Stratex – Strategien der Einflussnahme extremistischer Organisationen im Bildungsbereich. Worum geht es bei dem Projekt?

Mayrhofer und Hofinger: Es ist bekannt, dass extremistische Organisationen an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen versuchen, Mitglieder zu rekrutieren oder selbst Bildungsangebote machen, um ihre Ideologie zu verbreiten. In dieser vom KIRAS-Sicherheitsforschungsprogramm geförderten Studie wird – in Kooperationen mit Expert*innen auch aus anderen Instituten – erforscht, welche Strategien extremistische Bewegungen und Vereine konkret verfolgen, also wie z.B. neurechte Organisationen in Kaderschulungen und durch „Volksaufklärung“ an Einfluss im öffentlichen Diskurs zu gewinnen versuchen.  

Inklusion & Exklusion

Zur Unterbringung psychisch kranker Menschen: Rechtsanwendung und Kooperationszusammenhänge

Mayrhofer und Hofinger: 2019 haben wir eine Studie zur Anwendungspraxis des Unterbringungsrechts abgeschlossen, also zu einer hochsensiblen Gesetzesmaterie, das die Zwangseinweisung in die Psychiatrie regelt. Es geht hier um den gesellschaftlichen Umgang mit schweren Grundrechtseingriffen. Eine solche Zwangsunterbringung stellt auch eine sehr rigide Form der Exklusion durch Totalinklusion in die Psychiatrie dar, auch wenn diese Exklusion nicht zuletzt dank der strengen Kontrollmechanismen des Unterbringungsgesetzes zeitlich stark begrenzt ist. Unsere Forschungsergebnisse machen sichtbar, dass sowohl die psychiatrischen Abteilungen als auch die Gerichte die rechtlichen Voraussetzungen, die für eine Zwangseinweisung erfüllt sein müssen, unterschiedlich eng oder weit auslegen. Das hängt teils mit differierenden Entscheidungskulturen zusammen, je nachdem ob z.B. mehr auf persönliche Autonomie oder fürsorgliche Sicherheitsorientierung Wert gelegt wird. Diese Studie ist auch ein aktuelles Beispiel dafür, wie unsere Forschung sozialwissenschaftliche Grundlagen für eine evidenzbasierten Rechts- und Kriminalpolitik bereitstellt. Unsere Ergebnisse flossen in die Überarbeitung des Gesetzes ein, auf sie wird auch in den Erläuterungen zum Gesetz vielfach Bezug genommen. Aktuell befindet sich die Novelle des Unterbringungsgesetzes in der Begutachtungsphase.

Makademia: Das Team des IRKS wird ab dem Wintersemester 2021/22 mehrere Lehrveranstaltungen an der Universität Innsbruck anbieten. Weiß man schon, für wen (welche Studiengänge) die Lehrveranstaltungen angeboten werden?

Mayrhofer und Hofinger: Unsere Lehrveranstaltungen richten sich vor allem an Studierende der Soziologie und teilweise der Politikwissenschaft, also an Studierende der SOPO-Fakultät. Unser Kollege Walter Hammerschick wird auch bei den Jurist*innen lehren und den Studierenden vertiefende Einblicke in die Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Kriminalität sowie die Praxis des Strafrechts und des Strafvollzugs geben.

Makademia: Was bedeutet es für Sie, neu an der Universität Innsbruck angesiedelt zu sein?

Mayrhofer und Hofinger: Für uns bietet die Einbindung in die Universität Innsbruck neue Möglichkeiten für unseren Brückenschlag zwischen anwendungsorientierter Forschung und guter akademischer Verankerung. Wir müssen sowohl bei der Eingrenzung der Forschungsinhalte als auch beim Transfer der Ergebnisse zu Politik, Verwaltung und Fachpraxis mit diesen in engen Austausch treten. Für das Gelingen dieser wichtigen Kooperationen mit ausreichender Rollenabgrenzung zwischen Forschung und Handlungspraxis ist eine institutionelle Einbindung, die unsere Forschungsautonomie stärkt, eine gute Voraussetzung.

Weiterführende Links:

Veranstaltungstipps:
08.06.2021 | Podiumsdiskussion „Gute Kriminalpolitik“
Online – Paulus Akademie Zürich
01.07.2021 | Die Bedeutung persönlicher Beziehungen im elektronisch überwachten Hausarrest in Österreich
Online – Bonifatiushaus, Fulda

Seite des Instituts:
https://www.uibk.ac.at/irks/

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