Freitag, Oktober 15

Krisensicher: Wie sich mediale Berichterstattung (nicht) verändert

von Simon Schöpf
Lesedauer: 3 min.

„Bill Gates will uns alle chippen”, „Plandemic“, „Das Virus gibt es gar nicht“, „Das kommt von den 5G-Masten“ und so weiter und so fort – wer sich in den letzten Monaten aktiv mit den Nachrichten und sozialen Medien auseinandersetzte, hat vermutlich diese und viele ähnliche „verschwurbelte“ Verschwörungstheorien in Zusammenhang mit dem Corona-Virus bzw. COVID-19 gelesen. Das Phänomen der Verschwörungstheorien, die durch eine Pandemie ausgelöst wurden, gibt es jedoch nicht erst seit dem Internet bzw. dem Aufstieg der sozialen Medien. Vor fast genau 100 Jahren hielt die Spanische Grippe die Welt in Atem und wie so oft in einer Krise, wird durch Verschörungstheorien versucht, das Unerklärliche fassbar zu machen. 

Nicht nur die Verschwörungstheorien, auch die Zeitungsmeldungen zur Pandemie um das Jahr 1918 sind fast nicht von heutigen Schlagzeilen und Artikeln zu unterscheiden. Angefangen von der Herkunft der Krankheit, Verharmlosung der Symptome, Ursprung als Kampfstoff, Antisemitismus, Schulschließungen, Maskenpflicht, bis hin zum „Hamstern“ finden sich diese Bulletpoints im Jahr 1918 genauso wie in 2020. 

Woher wir das wissen? Wir haben uns mit Sarah Oberbichler und Stefan Hechl, vom Institut für Zeitgeschichte an unserer Uni getroffen und über das Projekt „NewsEye“ – dessen Digital-Humanities-Bereich Eva Pfanzelter leitet – gesprochen. Hierbei handelt es sich um ein international vernetztes sowie interdisziplinäres Projekt. Das heißt, Informatiker*innen und Geisteswissenschaftler*innen arbeiten in Kooperation mit den Nationalbibliotheken in Finnland, Frankreich und Österreich an der Aufbereitung von digitalisierten historischen Zeitungen, um diese für Forscher*innen und auch Laien besser zugänglich zu machen.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt unter „Anno“ (Link am Ende des Artikels) diverse Österreichische Zeitungen in einer Datenbank, inklusive Volltextsuche, frei zur Verfügung. Im Laufe des Projekts kamen die Forscher*innen aber zur Erkenntnis, dass z. B. schlechte Texterkennung (OCR) und unzureichende Interfaces die Forschungsergebnisse stark verzerren können. Das ist einer der Punkte, der oft für Frustration bei den Nutzer*innen sorgt. Im Projekt wird also ein Fokus daraufgelegt, die Qualität der Texterkennung zu verbessern und Tools zu schaffen, die die Recherche in historischen Zeitungsarchiven verbessern sollen. Dies ist auch eines der Hauptanliegen der Forscher*innen: Die Suche auf Plattformen für digitalisierten Zeitungen soll intelligenter und besser werden – ein wenig in Richtung „Google“, das anhand von bereits gesuchten bzw. ähnlichen Begriffen passende Suchtreffer liefern kann.

Hierbei ist auch die Schnittstelle zwischen den Geisteswissenschaften und der Informatik – die Historiker*innen überlegen sich u.a. Suchparameter und die Informatiker*innen versuchen anhand dieser, die Algorithmen zu verbessern bzw. geben dazu wiederum Feedback, ob dies überhaupt sinnvoll bzw. möglich ist. Dadurch entsteht eine Feedbackschleife die Verbesserungen für die Datenbank bringt und gleichzeitig den Historiker*innen bei ihrer Forschung hilft. Die beiden Bereiche bleiben dabei nicht strikt getrennt. Zum Beispiel haben Sarah und Stefan Kurse zur Einführung in die Informatik besucht, um selbst einen besseren Überblick über die Arbeit der Informatiker*innen zu bekommen.

Im Fokus des Projekts stehen Migration, Gender, Nationalismus und Revolutionen sowie Medien und Journalismus. Aufgrund der Aktualität der Corona-Pandemie haben sie sich dafür entschieden, sich auch mit der Spanischen Grippe von 1918 zu beschäftigen. Hierzu muss gesagt werden, dass der verallgemeinernde Spruch „Die Geschichte wiederholt sich“ auf den ersten Blick stimmig scheint, insbesondere wenn die bereits erwähnten Bulletpoints betrachtet werden. Natürlich ist der historische Kontext mit heute kaum zu vergleichen, was sich jedoch in einer ähnlichen Weise wiederholt, sind die sprachlichen Muster, Argumentationen und gewisse Verhaltensmuster. 

Zum Abschluss noch ein Tipp von Stefan: Falls ihr in einer Altbauwohnung lebt, sucht auf ANNO eure Adresse und lasst euch überraschen, was dort schon alles passiert ist!

Weiterführende Infos und die Details zur Forschung im NewsEye-Projekt findet ihr auf der Website: https://www.newseye.eu/

Link zu ANNO: http://anno.onb.ac.at/

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