Gendermedizin: Medizin, die weiterdenkt

von Elisa Jenewein
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Der Begriff Gender kommt aus den Sozialwissenschaften und beschreibt eigentlich die Entstehung von Geschlechterrollen in einer Gesellschaft. Diese Definition greift in der Gendermedizin nicht. Dr.in Hochleitner erklärte mir, dass die Begriffswahl leider irreführend und nicht korrekt sei. Gendermedizin ist ein Sammelbegriff für Forschung, die sich mit Geschlechtsunterschieden in der Schulmedizin beschäftigt. Das können sowohl biologische, wie Hormone, Chromosomen, also Sex betreffend, sein, wie auch Gender-Unterschiede, das würde dann das soziale Geschlecht betreffen.

Anfänge der Gendermedizin

Ihre Anfänge hatte die Gendermedizin in den 1990er Jahren. Hier wurde erstmals in der Forschung ein Blick darauf geworfen, welche Unterschiede es in der Wirkung, Nebenwirkungen, Langzeitfolgen von Medikamenten abhängig vom Geschlecht gibt. Davor wurde nämlich der Frauenkörper mit dessen Hormonschwankungen nicht in die Medikamententestung miteinbezogen. Man ging einfach davon aus, dass es schon keinen Unterscheid macht – ohne es durch Forschung belegt zu haben. Als Studien anfingen, diese Komponente mit in die Forschung zu bringen, zeigten die Wissenschaftler*innen schnell, dass es sehr wohl entscheidend ist. Aus der binären Unterscheidung in der Forschung entstanden die Bezeichnungen Women‘s Health und Men‘s Health. Heutzutage findet man Studien in diesem Zusammenhang eher unter dem Begriff Gendermedizin. Da es sich aber hierbei um keine universelle Bezeichnung handelt, variieren die Bezeichnungen stark. Somit findet man die meisten Studien unter den Schlagwörtern men and women bei klinischen Studien und male und female bei Grundlagenforschung. 

Das biologische Geschlecht in der Forschung 

Um Medikamente und Impfungen zu testen, werden Studien mit Mäusen durchgeführt. Hierzu können die Mäuse entweder selbst gezüchtet oder gekauft werden. Weibliche Mäuse sind allerdings teurer als die männlichen. „Die Weibchen braucht man weiter für die Zucht. Die Männchen nimmt man für die Versuche. Das führt dazu, wenn sie die Mäuse kaufen, sind die männlichen billiger“, erläutert Hochleitner. Doch wieso ist es überhaupt wichtig weibliche und männliche Mäuse in einer Studie zu haben? Weibliche Mäuse besitzen wie Frauen einen schwankenden Hormonspiegel. Dieser wird für die Studien durch Hormonbestimmungen bemessen – mit dem Ziel herauszufinden, wie diese Hormonschwankungen sich auf die Wirksamkeit des Medikamentes auswirken. Dieses Bestimmungsverfahren ist teuer und die Forschungen mit schwankendem Hormonspiegel aufwendig. 

Der Begriff heute

„Inzwischen ist Gendermedizin erweitert worden um Diversitas, um jedem Individuum, aus verschiedensten Gruppen, die bestmöglichen medizinischen Angebote, beruhend auf wissenschaftlichen Studien, machen zu können.“, beschreibt Hochleitner. Die Gendermedizin versucht somit den*die Patient*in selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Es soll durch Studien erforscht werden, welche weiteren Einflüsse wie die Umwelt, die sozialen Bedingungen oder die Geografie eines Menschen auf die Aufnahme von Medikamenten und Impfungen hat. Hochleitner berichtet, dass in den USA Medikamente für Afroamerikaner*innen getestet werden. „Also haben wir ja alles getan. Glaubt irgendjemand, dass man ganz Afrika dann mit dem Medikament versorgen kann und sagen kann, die sind getestet?“, kritisiert Hochleitner. Die Proband*innen sind Afroamerikaner*innen, deren Vorfahren seit 400 Jahren in Amerika leben könnten und somit ganz anderen äußeren Umständen ausgesetzt sind als Menschen, die in Afrika leben. Die Problematik ist, dass die meisten Studien mit weißen Europäer*innen und Nordamerikaner*innen gemacht werden, „nicht, weil wir Studien nur mit weißen Euopäer*innen und Amerikaner*innen machen, sondern weil wir Studien an unseren Universitäts-Kliniken machen“, zeigt Hochleitner auf. Eine geeignete Menge von Proband*innen, die aus anderen Regionen kommen, sind einfach nicht vor Ort. 

Gendermedizin ist also eine Medizin, die über den Tellerrand hinaussieht und die derzeitigen medizinischen Standards hinterfragt. Dr.in Hochleitner wünscht sich für die Zukunft:

Chancengleichheit für alle Patient*innen, weil wir geglaubt haben, als ich jung war, dass wir das Anbieten können und das auch im Großen und Ganzen tun und jetzt bin ich sicher, dass wir das nicht anbieten können und das deshalb auch nicht tun, weil uns für viele Diversitas-Gruppen wissenschaftliche Studien zu vielen Fragestellungen fehlen.“

Margarethe Hochleitner ist Professorin für Medizin und Diversität an der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie leitet die Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung und ist die Direktorin der Gender Medicine & Diversity Unit.

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